Studentisches Ehrenamt leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum Hochschulleben, zur demokratischen Selbstverwaltung der Universitäten sowie zur gesellschaftlichen Vernetzung von Hochschule und Region. Insbesondere die hochschulische Selbstverwaltung durch Fachschaften, studentische Vertretungen und Gremienarbeit trägt wesentlich zur Qualität von Studium und Lehre bei und ist im Bayerischen
Hochschulinnovationsgesetz (BayHIG) ausdrücklich als Bestandteil der akademischen Selbstverwaltung verankert. Nach Art. 27 BayHIG sind Studierende zur Mitwirkung in den akademischen Gremien verpflichtet und leisten dort einen Beitrag zur Willensbildung der Hochschule.¹
Darüber hinaus übernehmen Studierende in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen Verantwortung. Beispielsweise in sozialen, kulturellen, ökologischen oder bildungsbezogenen Initiativen und Vereinen. Hochschulen tragen im Sinne der „Third Mission“ nicht nur Verantwortung für Forschung und Lehre, sondern auch für gesellschaftlichen Transfer und regionale Vernetzung.²,³ Studentisches Ehrenamt kann hierbei einen wichtigen Beitrag zur stärkeren Verbindung der Universitäten mit der Stadtgesellschaft und der Region leisten und zeugt von sozialer Teilhabe. Besonders vor den aktuellen Herausforderungen in der Entwicklung des Sozialstaats und des demografischen Wandels erscheint ehrenamtliche Arbeit als Unverzichtbar um soziale Hilfsangebote bestmöglich aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig ist ehrenamtliches Engagement häufig mit erheblichem zeitlichem Aufwand verbunden. Viele Studierende stehen dabei vor der Herausforderung, Studium, Erwerbsarbeit und Ehrenamt miteinander vereinbaren zu müssen. Ehrenamtliche Tätigkeit wird dadurch oftmals zu einem faktischen Privileg für Studierende mit größeren zeitlichen und finanziellen Freiräumen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass gesellschaftliches Engagement sozial selektiv geprägt ist und insbesondere ressourcenstärkere Gruppen häufiger ehrenamtlich aktiv sind.⁴,⁵ Eine strukturelle Anerkennung studentischen Ehrenamts kann dazu beitragen, Zugänge zu Engagement zu erleichtern und breitere Teilhabe zu ermöglichen.
Der Bayrische Landesstudierendenrat fordert das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Zusammenarbeit mit den Hochschulen dazu auf:
1. ein bayernweites Konzept zur Verbindung von Ehrenamt und universitärer Lehre zu entwerfen (im Sinne des „Service Learning“ Konzepts), um neue ehrenamtliche Projekte aus den Hochschulen in die Gesellschaft zu bringen
2. die Einrichtung eines landesweiten Förderprogramms für Projekte zur Stärkung studentischen Ehrenamts, demokratischer Teilhabe und gesellschaftlicher Vernetzung an bayerischen Hochschulen zu prüfen
3. die Möglichkeit zur Einrichtung eines monatlich auszahlenden Stipendiums zu prüfen, um Studierende mit besonders schweren wirtschaftlichen und persönlichen Beeinträchtigungen im Studienalltag eine demokratische Teilhabe in der hochschulischen Selbstverwaltung zu ermöglichen
4. an allen bayerischen Hochschulen niedrigschwellige Möglichkeiten zur Anerkennung studentischen Ehrenamts (z.B. in Form von Leistungspunkten/ECTS) zu schaffen und hierbei insbesondere Engagement in der akademischen Selbstverwaltung angemessen zu berücksichtigen.
5. Einheitliche Regelungen für Ehrenamtsvergütungen in der akademischen Selbstverwaltung in Zusammenarbeit mit den Studierenden zu schaffen und studentische Initiativen und Vertretungen hinreichend zu finanzieren, ohne dass für einzelne Hochschulen eine Verschlechterung entstehen darf.
6. Die Entzerrung des Studiums durch Verlängerung von Fristen, z.B. durch Urlaubssemester, zu ermöglichen. Vor allem hochschulpolitische Ämter wie die Studentischen Vertreter im Senat sollen ein generelles Anrecht auf Urlaubssemester bekommen.
Begründung:
Die Anerkennung studentischen Ehrenamts ist an zahlreichen Hochschulen im deutschsprachigen Raum bereits gelebte Praxis. So existieren etwa an der Universität Passau mit „All You Can Do“ sowie an der Universität Freiburg Service-Learning- Modelle, in denen gesellschaftliches Engagement curricular eingebunden und mit ECTS- Punkten anerkannt wird.6,7 Auch im österreichischen Hochschulraum werden Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement zunehmend als Bestandteil universitärer Bildung verstanden.8 Studien zeigen darüber hinaus, dass ehrenamtliches Engagement zentrale Kompetenzen wie Teamarbeit, Kommunikation, Projektorganisation, Verantwortungsübernahme und selbstständiges Arbeiten fördert.9 Diese Kompetenzen stellen nicht nur einen Mehrwert für die persönliche Entwicklung der Studierenden dar, sondern stärken zugleich die Universität als demokratischen und gesellschaftlichen Ort. Hochschulen verstehen sich nicht nur als Ort wissenschaftlicher, sondern auch gesellschaftlicher Bildung. Genau deshalb braucht es geeignete und flächendeckende Lösungen die Hürden für studentisches Ehrenamt absenken und dadurch die soziale Durchlässigkeit und Gemeinschaft im Freistaat stärken.
Quellenverzeichnis:
1BAYHIG: Art. 27 Mitwirkung der Studierenden, Studierendenvertretung — Bürgerservice:
o. D., [online] https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayHIG-27.
2Lehre mit Purpose: in: JKU — Johannes Kepler Universität Linz, o. D., [online]
https://www.jku.at/lift‑c/lehren/lehre-mit-purpose.
3Tag des Studentischen Ehrenamtes 2023 | VDSI: in: VDSI, o. D., [online]
https://www.vdsi.org/tag-des-studentischen-ehrenamtes.
4Beckmann, Fabian/Anna-Lena Schönauer: Soziale Ungleichheit in der
Freiwilligenarbeit, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Bd. 69, Nr. 3–2020,
01.10.2020, [online] doi:10.3224/gwp.v69i3.09, S. 335–346.
5Kleiner, Tuuli-Marja: On Good Deeds and the Reproduction of Social Inequality: An
Empirical Study on Social Class and Volunteering in Germany, in: Sociology, Bd. 59,
Nr. 5, 28.06.2025, [online] doi:10.1177/00380385251343282, S. 943–961.
6Lernen durch Engagement – Zentrum für Schlüsselqualifikationen: o. D., [online]
hrps://uni-freiburg.de/zfs/service-learning/faecheruebergreifend/.
7Was ist all you can do? — Universität Passau: o. D., [online] hrps://www.uni-
passau.de/studium/campus-und-kultur/all-you-can-do-aycd/was-ist-all-you-can-do.
8Offner, Elke Jauk: Ehrenamt als Teil des Studiums, in: Die Presse, o. D., [online]
https://www.diepresse.com/6196814/ehrenamt-als-teil-des-studiums.
9Jäkel, Hannah/Paula Zacher: „Das ist ein ureigener menschlicher Wunsch“:
studentisches Engagement aus Sicht von Lehrenden und gemeinnützigen Organisationen,
in: Freiwilliges Engagement von Studierenden, 28.12.2018, [online] doi:10.1007/978–3-
658–24771-3_7, S. 113–129.