Der BayStuRa befürwortet die herrschende Studienfreiheit sowie die überwiegende Freiwilligkeit der Teilnahme an Lehrveranstaltungen an bayerischen Hochschulen. Für viele Studierende stellt diese Teilnahmefreiheit eine erhebliche Entlastung dar, da sie der finanziellen und sozialen Lebensrealität zahlreicher Studierender Rechnung trägt – insbesondere im Hinblick auf Erwerbstätigkeit, Care-Arbeit oder gesundheitliche Beeinträchtigungen. Ohne dieses Maß an Flexibilität wäre ein Studium für einen nicht unerheblichen Teil der Studierenden kaum oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Insbesondere für Studierende mit studienerschwerenden Beeinträchtigungen würde eine Anwesenheitspflicht zusätzliche Hürden schaffen und den Studienverlauf weiter erschweren. Aktuell spiegelt sich die Realität der Studierenden in Bayern darin wider, dass es bei Vorlesungsveranstaltungen keine formale Anwesenheitspflicht gibt, während es in Seminaren und Übungen in der jeweiligen Prüfungs- und Studienordnung verankert ist. In begründeten Einzel- fällen, etwa bei praktischen oder interaktiven Formaten wie Seminaren oder Laborübungen, sind Anwesenheitsregelungen nicht nur sinnvoll, sondern auch gängige Praxis in den Prüfungs- und Studienordnungen der jeweiligen Studiengänge. Empirische Untersuchungen zeigen, dass es vielfältige Einflussfaktoren gibt, die dazu führen können, dass Studierende gelegentlich nicht an Lehrveranstaltungen teilnehmen. 1
1. Finanzielle Rahmenbedingungen und Erwerbstätigkeit
Ein zentraler Faktor für die Nichtteilnahme an Lehrveranstaltungen ist die Einkommenssituation sowie die neben dem Studium ausgeübte Erwerbstätigkeit. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten, insbesondere in größeren Städten, sind viele Studierende auf regelmäßige Nebentätigkeiten angewiesen. In Bayern ist die eigene Erwerbstätigkeit für rund 158.000 Studierende (37 Prozent) eine der wichtigsten Einkommensquellen und damit auch das finanzielle Fundament für ein Studium. 2 Im Zehnjahresvergleich ist dies ein Anstieg um 7 Prozentpunkte bei Frauen und um 13 Prozentpunkte bei Männern. Dabei kollidieren Arbeitszeiten häufig mit starren und wenig flexiblen Lehrveranstaltungsplänen oder mit einer Anwesenheitspflicht bei einzelnen Lehrveranstaltungen. Für Studierende aus einkommensschwächeren Haushalten stellt dies eine immense Herausforderung dar, was sich wiederum auf die Teilnahmequoten an Lehrveranstaltungen oder sogar auf die Möglichkeit zu studieren, auswirkt. Lediglich rund 34.000 der bayerischen Studierenden (8 Prozent) geben an, primär von BAföG oder einem Stipendium zu leben. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der geförderten Studierenden gesunken – so bezogen im Jahr 2024 etwa 28.000 Studierende weniger BAföG-Leistungen im Gegensatz zu 2014. Auch wenn der durchschnittliche Förderungsbetrag pro Person je Monat seit 2014 gestiegen ist, führt ein entsprechender Rückgang der geförderten Studierenden zu einer Verlagerung der Finanzierbarkeit des eigenen Studiums auf eine regelmäßige Erwerbstätigkeit. 3
2. Angespannte Wohnraumsituation, Mobilität und Pendelzeiten
Die angespannte Wohnraumsituation – insbesondere in größeren Hochschulstädten – und der überhitzte Mietmarkt führen bayernweit dazu, dass Studierende entweder auf Nebentätigkeiten angewiesen sind oder aufgrund hoher Mietpreise in das Umland des Studienstandorts ziehen müssen. Dadurch werden weite Pendelstrecken und zeitintensive Anfahrtswege in Kauf genommen, was sich auf die Teilnahmequote an bestimmten Lehrveranstaltungen auswirken kann. Der erhöhte Zeitaufwand, etwaige zusätzliche Fahrtkosten sowie Verzögerungen beim Pendeln können bei Studierenden zu unregelmäßigen Besuchen von Lehrveranstaltungen führen. 4 5
3. Familiäre und soziale Verpflichtungen sowie Care-Arbeit
Studierende mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen tragen eine zusätzliche Verantwortung. Care-Arbeit ist ein zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft, der jedoch oft unberücksichtigt und unsichtbar bleibt. Betreuungspflichten, eingeschränkte Betreuungszeiten sowie unvorhersehbare familiäre Belastungen erschweren deshalb eine kontinuierliche, regelmäßige Teilnahme an überwiegend analogen Lehrveranstaltungen und am Präsenzstudium. Diese Faktoren betreffen Studierende in bestimmten Lebensphasen sowie bei unzureichender institutioneller Unterstützung. Eine Anwesenheitspflicht würde deren Lebensumstände zusätzlich belasten. 6
4. Gesundheitliche Faktoren
Sowohl physische als auch psychische Beeinträchtigungen beeinflussen ebenfalls die Anwesenheit von Studierenden. Besonders chronische Erkrankungen, physische Belastungssituationen oder akute gesundheitliche Beeinträchtigungen führen häufig zu unregelmäßiger Präsenz an der Hochschule. Vor diesem Hintergrund und angesichts der steigenden Zahl psychischer, studienerschwerender Beeinträchtigungen bei Studierenden würde eine Anwesenheitspflicht zu weiteren Benachteiligungen im Studienablauf führen. 7 Die bayerischen Hochschulen sollen Orte des gemeinsamen Lernens und Austauschs sein. Soziale Interaktionen und wissenschaftlicher Diskurs sind zentrale Bestandteile eines erfolgreichen Studiums. Diese lassen sich jedoch nicht durch eine verpflichtende Anwesenheit erzwingen. Verpflichtende Anwesenheit ersetzt keine gute Lehre und ist kein geeigneter Indikator für den Studienerfolg. Darum braucht es zur langfristigen Steigerung der Teilnahme Maßnahmen zur Förderung der intrinsischen Motivation und zum Abbau struktureller Hindernisse. Um die Teilnahme an Lehrveranstaltungen nachhaltig zu stärken, müssen daher sowohl didaktische als auch strukturelle Maßnahmen in Betracht gezogen werden.
1. Didaktische Maßnahmen und innovative Lehrformate
Zentral ist hierbei der Einbezug von Studierenden in die Seminarplanung und ‑gestaltung, um die intrinsische Motivation ebenfalls zu fördern. Weitere positive Effekte hat es, wenn die Studierenden die Leidenschaft der Dozierenden für ihre Themengebiete spüren können, formative Evaluationen stattfinden, stetig an innovativen Lehrformaten gearbeitet wird sowie der Einsatz von Anwesenheitsregelungen reflektiert und ausschließlich begründet eingesetzt wird. 8
2. Strukturelle und strukturpolitische Maßnahmen
Zusätzlich müssen die strukturellen Hindernisse der Nichtteilnahme weiterhin konsequent abgebaut werden. Langfristige Maßnahmen sind hierbei die Erhöhung des BAföG-Satzes und eine erleichterte BAföG-förderberechtigung, ein niedrigschwelliges und ausreichend finanziertes Betreuungs- und Unterstützungsangebot für Studierende mit Beeinträchtigungen, bezahlbarer hochschulnaher Wohnraum, die Verfügbarkeit von Betreuungsangeboten für Studierende mit Kindern und ein zuverlässiger öffentlicher Nah- und Fernverkehr. Die Nichtteilnahme von Studierenden an Lehrveranstaltungen ist kein Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft oder Motivation, sondern das Ergebnis struktureller und sozialer Rah- menbedingungen sowie unterschiedlicher Lebensrealitäten. Eine Anwesenheitspflicht führt nicht automatisch zu aktiver Teilnahme, sondern häufig zu rein formaler Präsenz ohne tatsächlichen Lernzuwachs. Sie adressiert Symptome, nicht die Ursachen einer möglichen Nichtteilnahme an einzelnen Lehrveranstaltungen und lässt gleichzeitig Lebensrealitäten der Studierenden außer Acht. Die Nichtteilnahme ist daher auch Ausdruck struktureller Rahmenbedingungen. Ein genereller Rechtsanspruch auf Anwesenheitsfreiheit besteht nicht. Dennoch müssen Anwesenheitsregelungen im Spannungsfeld von Lehrfreiheit, Chancengleichheit und sozialer Realität verhältnismäßig ausgestaltet werden. Auch im Sinne der gleichberechtigten Teilhabe, wie sie im Bayerischen Hochschulinnovationsgesetz verankert ist, müssen Studienbedingungen so gestaltet sein, dass sie unterschiedlichen Lebensrealitäten gerecht werden. Der Bayerische Landesstudierendenrat spricht sich dafür aus, die bestehende Studienfreiheit weiterhin zu gewährleisten und eine Anwesenheitspflicht nur dort vorzusehen, wo sie didaktisch zwingend erforderlich ist – etwa in praktischen Übungen, Laborveranstaltungen oder vergleichbaren Formaten. Entscheidend ist die Qualität der Lehre, nicht die formale Präsenz. Gleichzeitig müssen strukturelle Hindernisse für die Teilnahme am Studium konsequent abgebaut werden, um Hochschulen langfristig als offene und inklusive Lernorte zu stärken.
Quellen:
1 Weßeler, Jennifer; Van Ophuysen, Stefanie 2021. Studierverhalten jenseits von Anwesenheitspflicht – wie begründen Studierende ihre An- und Abwesenheit in universitären Lehrveranstaltungen? Hochschullehre im Spannungsfeld zwischen individueller und institutioneller Verantwortung: Tagungsband der 15. Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung. Wiesbaden: Springer, 213–225. Doi:10.1007/978–3‑658–32272‑4
2 https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2025/pm290/index.html
3 https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2025/pm290/index.html
4 https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/studenten-mieten-rekordhoch-100.html
5 https://www.br.de/nachrichten/bayern/steigende-kosten-fuer-studierende-wg-zimmer-immer-teurer,UyTC8JR
6 Weßeler, Jennifer; Van Ophuysen, Stefanie 2021. Studierverhalten jenseits von Anwesenheitspflicht – wie begründen Studierende ihre An- und Abwesenheit in universitären Lehrveranstaltungen? Hochschullehre im Spannungsfeld zwischen individueller und institutioneller Verantwortung: Tagungsband der 15. Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung. Wiesbaden: Springer, 213–225. Doi:10.1007/978–3‑658–32272‑4
7 https://www.studierendenwerke.de/beitrag/die-studierendenbefragung-in-deutschland-best3-studieren-mit-einer-gesundheitlichen-beeintraechtigung
8 Gottwald, Anne 2025. Gründe für die Anwesenheit in Seminarsitzungen von Lehramtsstudierenden